Oberärztin zur Corona-Pandemie: „Wir haben es in den letzten Jahren nicht geübt“

Kommentar. Am 24.03.2020 war u.a. die Ärztin Dr. Bernadett Erdmann zu Gast bei der ZDF-Sendung Markus Lanz. Es ging in der Sendung um das uns alle bewegende Thema Corona-Pandemie.  Dr. Bernadett Erdmann kam ab Minute 28 zu Wort und brachte schmerzhafte Wahrheiten auf den Punkt, hier wörtlich wiedergegeben: „Wir haben es in den letzten Jahren nicht geübt, uns auf solche Pandemien vorzubereiten. Wir sind nicht auf solche Situationen vorbereitet in unserem Land. Wir haben weder Strukturen geschaffen, die jetzt mal den Schalter ganz umlegen lassen, für solche infektiöse Großlagen.“Wir sind vorbereitet in der Unfallmedizin auf massenhafte Verletzten und solche Dinge. Das können wir. Aber damit (Anmerkung: Corona-Pandemie) haben wir in irgendeiner Form nicht gerechnet. Und ich glaube auch das es der Politik auch nicht leicht fällt das jetzt in irgendeiner Form zu regulieren. Und wenn wir sehen, dass wir nicht an Schutzausrüstungen heran kommen, weil die Bestellwege seltsam sind, die Preise in die Höhe schießen und das nicht ankommt was wir brauchen. Dann kann ich nachvollziehen, dass sich das alles erstmal alles rücken muss.“

Im Weiteren geht Lanz auf das Problem mit der Beschaffung von Schutzmasken ein, das will ihm „nicht in den Kopf gehen“, dass es Lieferschwierigkeiten gibt. Man schaffe auf die Schnelle 28.000 Intensiv-Betten, das sei auch die gute Nachricht, „es scheitert aber dann an Masken … die Masken-Geschichte geht in meinen Kopf schwer rein“.

Daraufhin Dr. Bernadett Erdmann: „Das geht auch nicht in den Kopf der Mitarbeiter rein, weder in den Kopf der Krankenschwester, des Krankenpflegers noch des Kopf des Arztes, der am Intensiv-Bett steht und uns sagt ihr müsst Ressourcen schonend mit dem Material umgehen was wir haben. In dieser Weise nimmt man eine Maske, behandelt einen Patienten, legt sie wieder ab, desinfiziert sich und nimmt eine neue Maske.“

Lanz: „Sie haben tolle Betten und Beatmungsgeräte und keinen, der sicher an dieses Bett ran treten kann, weil er riskiert, infiziert zu werden.“

Dr. Bernadett Erdmann: „Wenn wir keine Masken mehr haben, dann wird dieser Zustand so eintreten. (…) „. Für vier Wochen hätten sie noch Material. Wenn die Fallzahlen allerdings hochgingen, würde sich das rasch ändern, gibt sie zu. „Wir versuchen zu sparen“, es würden weniger Mitarbeiter zu Patienten gehen, und es gebe auch Ärzte die ihren Namen auf das Einwegprodukt schreiben, um es so lange zu benutzen, wie es irgend geht.

Auch Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gibt zu: „Masken sind noch nie knapp gewesen. Das ist eine Riesenüberraschung.“ Aber er malt ein erschreckendes Bild: Die Masken seien einer von mehreren Flaschenhälsen, die mindestens genauso wichtig seien. Es werde weitere Schutzkleidung fehlen, es werden Testkits fehlen oder auch gewisse Medikamente.

Zurück zu der Aussage von Dr. Bernadett Erdmann („Wir haben es in den letzten Jahren nicht geübt, uns auf solche Pandemien vorzubereiten“). Hören wir eine Aussage eines Arztes, der in einem Tagesthemen-Bericht sagt: „Es ist sicherlich so, das in vielen Krankenhäusern das Material, zum Beispiel Masken, zum Beispiel Kittel … noch nicht ausreichen eingelagert ist weil die Kostenfrage noch nicht geklärt ist.

Und das Gleich gilt für den niedergelassenen Bereich, wo man auch erwarten würde, dass die Ärzte sich darauf vorbereiten. Aber da ist die Frage auch: Wer bezahlt das das letztendlich. Das ist aus meiner Sicht noch nicht abschließend geklärt„**.

Dazu ist anzumerken: Die Aussage des Arztes stammte nicht von heute sondern vom 06.11.2007 – als von vor 13 Jahren!

Vor 13 Jahren fand auch die letzte – wie Frau Dr. Dr. Bernadett Erdmann nannte – „Übung“ statt, exakt die sogenannte „Lükex“-Übung.

Man ging davon aus, dass in Deutschland durch einen aus Asien kommenden neuartigen Virus 27 Millionen Menschen erkranken und 102.000 sterben. 3000 Experten und Beamte aus Ländern und Bund bis hinauf ins Kanzleramt, waren beteiligt. Manches lief gut, anderes dagegen gar nicht.

Die nachfolgende Lagedarstellung war rein hypothetisch und bildete im November die Grundlage für die LÜKEX 2007. Ein neuartiges Grippevirus hat von Asien aus eine weltweite Erkrankungswelle ausgelöst. Deutschland befindet sich, wie das übrige Europa, in der ersten Pandemiewelle.

Anfang Oktober 2007 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Phase 6 der Influenza-Pandemie erklärt. Die Grippe hat inzwischen alle Bereiche des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens erfasst.

Der Höhepunkt der Grippewelle und der durch sie verursachten gesamtgesellschaftlichen Krise stehen nach allen vorliegenden Prognosen noch bevor. Teilbereiche des öffentlichen Lebens befinden sich bereits in einer kritischen Situation, Unruhe und Angst prägen das Verhalten der Bevölkerung.

Auf Grund dieser Ausgangslage haben am 7. und 8. November 2007 etwa 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundes und der sieben beteiligten Bundesländer, der Hilfsorganisationen, Verbände und Wirtschaftsunternehmen auf strategischer Ebe- ne an der LÜKEX 2007 teilgenommen.“ 

Die Ergebnisse der Übung wurden in einem Bericht zusammengefaßt: Dr. Wolfgang Schäuble, seinerzeit Bundes-Innenminister schrieb diese Worte:  „Es gehört zum Kernbereich staatlicher Daseinsvorsorge, sich auf Katastrophen einzustellen und für die Linderung der Folgen zu sorgen.

Der Orkan Kyrill hat uns vor große Herausforderungen gestellt. Aber zusammen konnten Bund und Länder die schwierige Situation bewältigen. Ich möchte dafür werben, dass wir diese gute Erfahrung beim Bevölkerungs- und Katastrophenschutz beherzigen.“ Bund und Länder haben eine gemeinsame Verantwortung für den Bevölkerungs- und Katastrophenschutz.

Gemeinsam mit den Leistungen der Länder können wir so insgesamt einen optimalen Katastrophenschutz sicherstellen. 

Damit im Ernstfall alles klappt, müssen wir mögliche Katastrophenszenarien regelmäßig trainieren. Deswegen gehören gemeinsame Übungen zu den wichtigen Leistungen des Bundes im Bevölkerungsschutz.

Der große Erfolg der LÜKEX und die Nachfrage der Beteiligung haben uns veranlasst, den Taktschlag zu erhöhen. Es wird weiterhin im Rhythmus von zwei Jahren eine große Stabsrahmenübung stattfinden*, in den Jahren dazwischen werden wir jedoch zusätzlich eine kleine Vorübung initiieren. Die erste wird im Jahr 2008 stattfinden.

Der französische Mikrobiologe Louis Pasteur hat einmal gesagt: „Der Zufall begünstigt den, der vorbereitet ist“. Gut vorbereitet zu sein, das ist die Aufgabe des Bevölkerungsschutzes: Vorsorge zu treffen für Ereignisse, von denen wir nicht wissen, ob und wann sie passieren und wie sie konkret aussehen. Eine sinnvolle Aufgabenteilung, vernünftige Ausstattung und regelmäßige Übungen sind die Voraussetzungen dafür. ## Ende Zitat ##

* Den Worten des Bundesinnenministers folgte nichts. Seit 2007 hat es KEINE weitere LÜKEX-Übung (https://de.wikipedia.org/wiki/LÜKEX) mehr stattgefunden. 

„Mancher wünscht sich inzwischen, man hätte seitdem einmal wieder im ganz großen Rahmen geübt. Schließlich kam man zum Ergebnis, dass die Konsequenzen einer Pandemie enorm wären“, schreibt Georg Mascolo, Journalist NDR/WDR.

**  Die Kassenärztliche Bundesvereinigung, der Bundesärztekammer und der BGW hatte 2008 eine Empfehlung herausgegeben mit dem Titel „Influenzapandemie Risikomanagement in Arztpraxen„. Da heißt es (in der Einleitung, Fett-Unterlegung durch Autor):
Der Nationale Pandemieplan sieht im Pandemiefall vor, die Versorgung von Influenzapatienten möglichst lange ambulant durchzuführen. Gleichzeitig sollen Patienten frühzeitig aus der stationären Behandlung in den ambulanten Bereich übernommen werden.
Den Arztpraxen, insbesondere den allgemeinärztlichen, internistischen, HNO-ärztlichen und pädiatrischen, kommt daher in der Pandemieplanung eine wesentliche Rolle zu. Aber auch die nicht primär betroffenen Praxen anderer Fachdisziplinen müssen sich schon in der interpandemischen Phase Gedanken machen, wie sie sich auf einen Pandemiefall vorbereiten.
Alle niedergelassenen Ärzte sind daher gehalten, sich bereits in der interpandemischen Phase durch einen praxisinternen Notfallplan auf den Pandemiefall vorzubereiten. Die vorliegende Handlungsanleitung soll dabei unter- stützen.
Unter „2.5 Was sollte bevorratet werden?“, heißt es: