Demo von Freiwild-Fans und Gegendemo – mit überraschendem Ergebnis

90 Fans der Skandal-Polit-Musik-Kapelle „Freiwild“ – unter ihnen auch Kinder – und 35 Fan-Gegner standen sich am 07.04.2019 an der Spitze des Flensburger Hafens gegenüber (hier die besten Fotos von der Veranstaltung). Zum Schutz aller gab es Polizeipräsenz. Zwischen den Demonstrationsgruppen hing Polizeiabsperrband. Die Differenzen schienen unüberwindbar. Doch es geschah etwas Überraschendes: einige gaben sich die Hand. Damit Friede, Freude, Eierkuchen?

In der Vorankündigung hatte es geheißen, dass die Fans der Skandal-Polit-Musik-Kapelle „Freiwild“ demonstrieren wollten, dass sie „friedliche Deutschrock-Fans“ seien und „keine gewaltbereiten, der rechten Szene angehörigen Menschen“. Und so sollte der späte sonnige Sonntag-Mittag auch ablaufen. Es kam zu keinen Auseinandersetzungen, dennoch war offensichtlich, dass sich an jenem Ort Menschen gegenüberstanden, die sich nicht ganz klirre waren.

Die „Freiwild“-Fans trugen Fan-typische Kleidungen mit Textaufdrucken. Auf diesen stand „Ich bin nicht heilig“, oder „Feinster Deutschrock“, oder „Sieger stehen da auf, wo Verlierer liegenbleiben“, oder „Kein Faschismus“. Relativ harmlos auf den ersten Blick. Die Gegner der Kapelle schätzten die Wild-Freien ganz anders ein.

Sie entfalteten ein Transparent mit der Aufschrift „Kein Freiwild-Konzert. Weder hier noch anderswo“ oder „Rot-Wild statt Frei.Wild.“ – oder anders ausgedrückt: die Gegner schätzen die Kapelle „Frei.Wild“ als rechtspopulistisch, als völkisch-nationalistisch ein. Die Band greife die Sprache von PEGIDA (1), AfD (2) oder der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (3) auf“ und sei somit „alles andere als unpolitisch“.

Gegner der Kapelle verschickten an Passanten und interessierte Besucher der Hafenspritze Infomaterial mit der Überschrift „Kein Hafen für Nationalismus. Argumente“. Argumente, die die Texte der Skandal-Kapelle „Frei.Wild“ entlarven könnten, gab es genug. Hier ein paar markante:

Sturm brich los und trag uns laut voran
Erhobenen Hauptes gegen den Untergang“ aus „Für immer Anker und Flügel“

„Wir sind Volkes Stimme
Stolze Freiheitskämpfer
Auf in die Schlacht, ab ins Gefecht
Gegen Maulkorbterroristen für das Völkerrecht
Auf schmalem Grade und gerade durch die Wand“ aus „Völkerrecht“

Dem gegenübergestellt ein kurzer Rede-Text von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, den er am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast hielt: „Und darum lautet von jetzt ab die Parole: Nun, Volk, steh auf und Sturm bricht los!“ Die Ähnlichkeit angerissener Texte der Kapelle „Frei.Wild“ und Propagandasprüche der Nationalsozialisten ist auffällig.

Rechtsextremismusforscher Andreas Peham meint: „Es wäre falsch, Frei.Wild als Neonaziband zu bezeichnen. … Nicht die Skandalisierung „Frei.Wild“ sei sinnvoll. Vielmehr müsse skandalisiert werden, dass die rohe, rechte Sprache, die die Gruppe verwendet, Normalität in der Gesellschaft geworden ist.“ Der Experte: Ihre Texte strotzten „vor Gewalt- und Kraftausdrücken, treuer Freund- und Kameradschaft und einer Gegnerschaft zur Gesellschaft voller `Gutmenschen und Moralapostel`, die Frei.Wild zu Unrecht anklagt.“

Ferner auf dem Flyer „Kein Hafen für Nationalismus. Argumente“: „Frei.Wild ist vielleicht nicht 100 Prozent aber doch 80 Prozent. Und 30 Prozent davon geben sie zu“, sagte NPD-Funktionär Patrick Schröder in einem Interview im offenen Kanal.“ Quelle: Welt.

„Demokratie muss das aushalten“

Frei.Wild distanzieren sich stets von Rechtsaußen – wettern aber genau wie AfD und Co. gegen eine „Diktatur des Mainstreams“ und gegen alles Fremde. Bei der Antifa Flensburg ist zu lesen, „Frei.Wild“ stünden „für eine Diskursverschiebung nach rechts, für `das wird man ja wohl noch sagen dürfen`, für den vermeidlich harmlosen Rassismus der Mitte der Gesellschaft, kurzum: symbolhaft für den Rechtsruck.

Apropos „Rassismus in der Mitte der Gesellschaft“: Kristina Berndsen, SPD-Kommunalpolitikerin aus Flensburg, nimmt in einem Interview Stellung und kritisiert scharf die Flensburger Politikerin der Wählergemeinschaft WIR in Flensburg und ehemalige Ratsfrau im Flensburger Rat, Gerda Brau. Sie stand auf der Seite der Freiwild-Fan-Demonstranten. Das mag Zufall gewesen sein. Oder doch kein Zufall?

Brau sagt, sie sei „kein Frei.Wild-Fan“. Dennoch müsse der Kapelle „eine Bühne gegeben werden“ Mit all ihren völkisch-nationalistischen Texten? Ja meinte Brau, wir hätten eine „starke Demokratie“, das „können sie vertragen“. Dieses, „das müsse eine Demokratie vertragen“ kam auch aus dem Munde von CDU-Politiker Wolfgang Börnsen. Dieser hatte in einem shz Artikel Flensburger Obeerbürgermeisterin Simone Lange scharf angegriffen: „Es darf kein Meinungsdiktat geben“, wird er im Tageblatt zitiert.

Zurück zu Brau: Sie behauptet, das Konzert in Flensburg sei „verboten“ worden sein. Völlig abstrus, letztendlich kam kein Vertrag zwischen dem Tourmanagement und der Flest-Arena-Betreiberin zustande (hier Hintergründe im Blog)

Kristina Berndsen äußert sich hier in einer Stellungnahme:

Doch bei allen Differenzen: am Ende wird das trennende Polizeiabsperrband zwischen beiden Gruppen getrennt (siehe Video unten).

Es mag versöhnlich wirken und friedlich, man handelt erwachsen. Kommunikation sei „alles“, hätte einer der Polizisten resümiert (Quelle: shz). Fazit: Händedruck = Friede, Freude, Eierkuchen ?

(1) Pegida, kurz für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Eigenschreibung PEGIDA), ist eine islam- und fremdenfeindliche, völkische, rassistische und rechtspopulistische Organisation. Sie veranstaltet seit dem 20. Oktober 2014 in Dresden Demonstrationen gegen eine von ihr behauptete Islamisierung und die Einwanderungs- und Asylpolitik Deutschlands und Europas, welche regelmäßig von Gegenveranstaltungen begleitet werden. Ähnliche, deutlich kleinere Demonstrationen finden, zum Teil durch rechtsextreme Personen oder Gruppierungen angemeldet und organisiert, in weiteren Städten statt.

(2) Die Alternative für Deutschland (Kurzbezeichnung: AfD) ist eine rechtspopulistische politische Partei in Deutschland mit rechtsextremen Tendenzen.

(3) Als Identitäre Bewegung (auch Identitäre Generation, kurz Identitäre) bezeichnen sich mehrere aktionistische, völkisch orientierte Gruppierungen, die die Ideologie des Ethnopluralismus (Kulturrassismus) vertreten. Sie gehen von einer geschlossenen „europäischen Kultur“ aus, deren „Identität“ vor allem von einer „Islamisierung“ bedroht sei. Fachjournalisten und Wissenschaftler ordnen die Gruppen dem Rechtsextremismus zu.