Flensburg: Eröffnung des Literatursommers 2019 mit Jostein Gaarder*

Zur Eröffnung des Literatursommers 2019 präsentierte am 23.07.2019 der norwegische Autor Jostein Gaarder in der Aula des Hans-Christiansen-Hauses auf dem Museumsberg in Flensburg sein neues Buch »Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht« „Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an“ – Ist der Autor ein Antisemit? Jostein Gaarder, geb. 1952, schrieb neben seiner Tätigkeit als Philosophielehrer Romane und Erzählungen für Erwachsene und Kinder. Nach dem internationalen Erfolg von „Sofies Welt“ konzentrierte er sich ganz auf das Schreiben. * Über den Autor ist folgendes anzumerken: Gaarder löste Anfang August 2006 durch seinen Kommentar „Gottes auserwähltes Volk“ („Guds utvalgte folk“) in der norwegischen Zeitung Aftenposten[1] eine Kontroverse aus.

Bezug nehmend auf die Militäraktionen Israels im Libanon schrieb er u. a. (Auszüge der Übersetzung[2] aus dem Englischen nach Übersetzung[3] aus dem Norwegischen durch das Simon-Wiesenthal-Zentrum Paris):

Es gibt keine Umkehr. Es ist an der Zeit, eine neue Lektion zu lernen: Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen, und ebenso wenig das afghanische Taliban-Regime. Und es gab viele, die Saddam Husseins Irak oder die ethnischen Säuberungen der Serben nicht anerkannten. Wir müssen uns nun an den Gedanken gewöhnen: der Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte.“

Und weiter:
Wir glauben nicht an die Idee eines von Gott auserwählten Volkes. Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes und weinen über seine Untaten. Als Gottes auserwähltes Volk zu handeln ist nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir nennen es Rassismus.“
Zu den „Grenzen der Toleranz“ führte er aus:

[…] „Wir nennen Kindermörder ‘Kindermörder’ und werden niemals akzeptieren, dass diese ein gottgegebenes oder historisches Mandat besitzen sollen, das ihre Schandtaten rechtfertigt. Wir sagen nur dieses: Schande über alle Apartheid, Schande über ethnische Säuberungen, Schande über jeden Terroranschlag auf Zivilisten, ob er nun von Hamas, Hisbollah oder dem Staat Israel verübt wird!“

Über Judenverfolgung und den Krieg im Libanon:
Wir anerkennen Europas tiefe Verantwortung für das Leid der Juden und nehmen sie auf uns, für die schändliche Verfolgung, die Pogrome, und den Holocaust. Es war eine historische und moralische Notwendigkeit für die Juden, ihre eigene Heimat zu erhalten. Der Staat Israel hat jedoch, mit seiner skrupellosen Kriegführung und seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert. Er hat internationales Recht, internationale Konventionen und unzählige UN-Resolutionen zum Gespött gemacht, und kann nicht länger Schutz von diesen erwarten […]

Unter der Zwischenüberschrift „Israel hört nicht zu“:
[…] „Wir akzeptieren nicht die Entführung von Soldaten. Aber ebenso akzeptieren wir nicht die Deportation ganzer Bevölkerungen oder Entführung legal gewählter Parlamentarier und Minister. Wir anerkennen den Staat Israel von 1948, aber nicht den von 1967. Es ist der Staat Israel, der den internationalem Recht entsprechenden Staat Israel von 1948 nicht anerkennt, respektiert und sich auf ihn bezieht. Israel will mehr: mehr Wasser und mehr Dörfer. Um das zu erreichen, gibt es jene, die, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung des palästinensischen Problems wollen. ‚Die Palästinenser haben so viele andere Länder‘, haben bestimmte israelische Politiker argumentiert; ‚wir haben nur eines.‘

Im letzten Absatz:
„Wir erkennen den Staat Israel nicht an. Nicht heute, nicht im Moment, da wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen. Es ist ein ewiges Verbrechen ohne mildernde Umstände, die Hand an Flüchtlinge und staatenlose Völker zu legen […]“

Zahlreiche Stimmen warfen Gaarder auf Grundlage dieses Essays Antisemitismus vor,[4][5] andere verteidigten ihn gegen diesen Vorwurf.[2][6]
https://de.wikipedia.org/wiki/Jostein_Gaarder

In der Jüdischen Allgemeinen wird zitiert: Friedbert Stohner, der Gaarder beim Carl Hanser Verlag betreut, war zunächst irritiert von den Ausfällen seines Autors: »Wir haben uns gefragt: Was hat ihn da geritten? Man kann sich den Artikel nur dadurch erklären, daß er im Zorn verfaßt wurde. Gaarder stand unter dem Eindruck des Angriffs auf Kana. Aber wenn jemand weit davon entfernt ist, ein Antisemit zu sein, dann ist es Jostein Gaarder.« Der Verlag hatte Gaarder geraten, trotz allem an dem Berliner Festival aufzutreten – auch um dem »falschen Eindruck« entgegenzuwirken, der durch den Artikel entstanden sei. »Wir haben uns darauf eingestellt, mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.« https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/viel-applaus-wenig-protest/?fbclid=IwAR0pfL9w-4v8jOKdGpCJ3DJMkwVNrkugH0YOtE73eBMHrLeZvo7WzDsSDJE

Weiter „Wie der Schriftsteller Jostein Gaarder seine Israel‐Thesen verteidigt“: eine Handvoll Männer und rief: »Antisemit!
Schon 2006, als Gaarder als „Stargast des 6. literaturfestivals“ angekündigt wurde, gab es Protest. Gaarder wird wie folgt zitiert:

Wir glauben nicht an die Vorstellung von Gottes auserwähltem Volk. Wir lachen über dieses Volk und weinen über dessen Missetaten. Wir nennen Kindermörder #Kindermörder!

Wir erkennen einen Staat, verfilzt auf antihumanistischen Prinzipien und Ruinen einer archaischen National- und Kriegsreligion, nicht an.“

„In 2000 Jahren haben wir das humanistische Pensum gepaukt, aber Israel hört nicht. Es war nicht der Pharisäer der dem Manne half, welcher am Straßenrand lag (…). Es war ein Samariter, heute würden wir sagen ein Palästinenser.“
Israel will mehr Wasser, mehr Siedlungen. Um dies zu erreichen wollen einige, mit Gottes Hilfe, eine Endlösung der Palästinenserfrage.“

Jostein Gaarder, 05.08.2006
Ein ANTISEMIT als Stargast des Festivals, und endlich können wir unsere Befindlichkeiten so richtig rauslassen. Schuld ist wieder der Jude. Danke Jostein!
GEGEN JEDEN #ANTISEMITISMUS!
Quelle: http://de.indymedia.org/2006/09/156526.shtml?print=on

Wochen später die Relativierung:

Nach Erscheinen seines israelkritischen Artikels in der liberalkonservativen Osloer Zeitung «Aftenposten» verteidigte Gaarder seinen Vergleich der israelischen Kriegspolitik mit dem ehemaligen Apartheidsregime in Südafrika, den Taliban in Afghanistan und den ethnischen Säuberungen in Bosnien. «Ich spreche über Israel genauso wie über andere Länder auch», sagte Gaarder. Die Kriege der USA dürfe man auch kritisieren.

In Norwegen könne man offener und unbelasteter über Israel sprechen als in Deutschland, obwohl es auch in Norwegen die Tendenz gebe, dass ein Israelkritiker zum Antisemiten gestempelt werde. Dies sei dumm und gefährlich, weil dadurch der Antisemitismus verharmlost werde, sagte der Schriftsteller. «Antisemitismus ist das Schlimmste, was es gibt. Es ist so ähnlich, als wenn man pädophil ist.» (nz)

Bildbeschreibung: Jostein Gaarder, norwegischer Schriftsteller, im Gespräch mit Besuchern, Nahaufnahme, kurz vor Beginn einer Veranstaltung am 23.07.2019 in Flensburg, Hans-Christiansen-Haus, Museumsberg