Flensburg: Demonstration gegen den Angriffskrieg der Türkei auf die kurdischen Gebiete

In der letzten Woche sind Personen mehrfach in Flensburg auf die Straße gegangen: um zu protestierten gegen den Angriffskrieg der Türkei auf die mehrheitlich von Kurden bewohnten, autonomen Region Rojava, in Nordsyrien. Erstmals fand die Demo statt am 10.10.2019  (siehe Bericht).  AKTUELL ruft das „Solidaritätskomitee Rojava“ erneut zum Protest auf: Jeden Mittwoch soll in der Flensburger Innenstadt demonstriert werden – solange der Krieg andauert.

Was bisher geschah (18.10.2019): Der Auftakt begann am Südermarkt, im Herzen der Stadt, vor der St. Nikolaikirche. Hier trafen sich die Demonstranten, dabei ungewöhnlich viele Kinder und junge Leute. Organisatoren und andere Personen verteilten einander Plakate und selbstgebastelte Transparente mit teils sehr verständlichen Parolen (wie: „NATO schweigt“, „Putin schweigt“, „Papst schweigt“) und umfassende mit Fotos versehene Transparente mit Abbildungen von getöteten Kindern und viel Text.

Es stand ein PKW-Kombi bereit, in diesem Technik bereitgestellt, für Ton und Musik. Auf dem Boden des Südermarktes hatten Demonstranten drei Transparente niedergelegt, mit der Aufschrift (1) „Ob in Rojava oder Halle, Faschismus tötet“, (2)“Panzer raus aus Kurdistan“ und (3) „Biji Berxwedana YPJ!“.

Als sich alle, ca. 300 Personen, angesammelt hatten, rückten sie, auf Aufruf eines Organisationsleiters und Sprechers, zusammen. Sie bildeten einen großen Kreis.

Der Sprecher forderte die Menschen auf, den Opfern zu gedenken, dazu wurde „Ey Reqîb“, die offizielle Hymne der Autonomen Region Kurdistan, gespielt. Man sang, klatschte, hob die Finger zum Zeichen“Victory“ (zu deutsch „Erfolg“ oder „Frieden“).

„Ey Reqîb“ gilt als Nationalhymne aller Kurden. Fast alle Demonstranten, die die Hymne kannten, sangen mit, in ihren Stimmen klang Stolz und Leid und Trauer und wieder Stolz auf ihre Freiheit, auf ihre Autonomie, die einige ihnen abstrittig machen.

Anzug: „Oh Feind! Die Kurden und ihre Sprache leben noch immer!
Nicht einmal Bomben aller Zeit können sie vernichten.
Niemand soll behaupten, die Kurden wären tot, die Kurden leben.
Sie leben – die Fahne wird nie fallen (…).

Im Weiteren informierten Redner mit dem Megafon vor dem Mund über die bedrohliche Lage der Menschen in Rojava. Sie erzählten vom Leid und Terror, dem die Menschen durch die türkischen Truppen dort ausgesetzt sind. Sodann wurden die Demonstranten aufgefordert Geld zu spenden für die Protest-Aktion und den Opfern in den Kriegsgebieten.

Nach der Auftaktkundgebung am Südermarkt zogen die Demonstranten gemächlich, im Spazierschritt, durch die Flensburger Innenstadt.

An der Spitze rollte der mit Technik beladene PKW. Gleich dahinter gingen Sprecher (männliche und weibliche), sie sprachen laut durch das Megafon, informierten die vorbeikommenden Besucher der Innenstadt über den Sinn des Protestmarsches.

Dies ohrenbetäubend laut, manche hielten sich die Ohren zu, einige Passanten zeigten offen ihren Unmut über den Marsch. Dazu stießen die Demonstranten wie im Chor Parolen in kurdischer und deutscher Sprache aus (u. a. „Wider dem Faschismus“, „Deutsche Panzer raus aus Kurdistan“ und „auf die internationale Solidarität“). Die Sprecher gaben vor, die Demonstranten sprachen nach, und es spielte zwischendurch kurdische Musik, man klatschte, tanzte. Siehe Video:

So ergab sich ein eigentümlicher, gemischter Rhythmus, Emotionen, Freude und Trauer und politische Sprüche dicht beieinander – und: es ergab ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, in der Gruppe, in der eigenen Kultur. Und doch lebt man in einer anderen, der deutschen Kultur, die dieses bietet: Meinungs- und Pressefreiheit und das Recht zu demonstrieren. In der Türkei, Kurdistan und Syrien = lebensgefährlich.

Vorneweg rollte, wie gesagt, der PKW-Konbi, dahinter gleich die Sprecher und Organisatoren und Ordner, dahinter die Kinder. Immer wieder hielt der Zug, am Holm, der Großen Straße, am Nordermarkt.

Es wiederholte sich: Sprecher informierten über die Demonstration, es spielte laute Musik, man sang, tanzte zuweilen und immer und immer wieder der Chor, der das Leid, Freude und den Wunsch nach Autonomie ausdrückte.

Über den Nordermarkt zog die Gruppe der Schiffbrücke entlang, dem West-Hafen, stadtauswärts. An der Wertstraße vor Rheinmetall an der Werftstraße war dann Ende. Vor den Toren der „Rheinmetall Military Vehicles GmbH“ gab es nun die Schlusskundgebung. Scharf kritisierte ein Redner, der auch schon am Südermarkt sprach, die „Rheinmetall Military Vehicles GmbH“.

Er forderte ein sofortiges Ende der deutschen Waffenexporte in die Türkei. Rheinmetall gilt als einer der deutschen Hauptlieferanten für Rüstungsmaterial in die Türkei.

Wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung Schleswig-Holstein berichtet, würde Deutschland jedes Jahr für mehrere Milliarden Euro Waffen und Rüstungsgüter in alle Welt verkaufen – damit gehörte damit „zu den vier größten Rüstungsexporteuren weltweit“.

Rheinmetall AG sei der größte Rüstungskonzern in Deutschland und somit tragender Pfeiler der Kriegsmaschinerie. Zum Beispiel würden deutsche Leopard-Panzer bei dem völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei auf die Region Afrin in Nordsyrien im Januar 2018 eingesetzt. (Kanone und Munition für den Leopard kommen aus dem Hause Rheinmetall.)

Zudem fände das Unternehmen immer wieder Mittel und Wege Exportbeschränkungen zu umgehen um an den Kriegen weltweit zu profitieren. So z.B. mit Waffenlieferungen durch Tochterunternehmen an Saudi Arabien. Wodurch Rheinmetall mit seinen Rüstungsgütern direkt am blutigen Krieg im Jemen beteiligt sei, der sich zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen weltweit entwickelt habe. Quelle

Weiter fanden zwei junge Leute Gelegenheit, ihre Gedanken über die Situation in ihrer Heimat zum Ausdruck zu bringen. So sagte ein junger Mann, dass er es gut fände, wenn junge Menschen auf die Straße gingen um gegen die Verantwortlichen (Politiker) demonstrierten, die nichts oder zu wenig gegen die Erderhitzung täten.

Aber das sei nichts hingegen, was seine Volk angetan würde, „uns geht es ums nackte Überleben“, „wir sehen täglich Leid, täglich sterben Menschen, täglich werden Menschen abgeschlachtet“. „Das muss ein Ende haben.“.

Und wieder lief kurdische Musik, man tanzte, sang, klatschte, schwang Fahnen, hielt seine selbstgemachten Transparente und Plakate hoch, zeigte „Victory“, zeigte Fotos von toten Kindern und betrauerte das Leid (siehe Video).

Am Ende alles friedlich. In Flensburg. Nicht in anderen Städten, u.a. kam es in Herne, Düsseldorf, in Hannover und anderen Orten zu Ausschreitungen. Muss das sein?

Fotos / Videos / Text: Schewski Media