Husum: Kleine Bildergeschichte zu Flutkraftwerk & Seeschleuse

Es ist eine Geschichte, die vermutlich nur wenige kennen: Das erste Flutkraftwerk der Welt wurde nicht, wie uns Wikipedia erzählen mag, 1966 an der französischen Atlantikküste in St. Malo errichtet, sondern bereits 1912: vor den Toren Husums im Porrenkoog, ca. 300 Meter vor der Husumer Schleuse.

Das Flutkraftwerk war ein „Probe- und Beweisflutkraftwerk“ des Hamburger Zivilingenieurs Emil F.G. Pein. Es erregte zu seiner Zeit großes Aufsehen.

Pein warb seit 1910, dass die von ihm blumig „weiße Kohle“ genannte Gezeitenkraft taugte, um kontinuierlich Strom zu erzeugen. Der Versuch, mit Hilfe von sechs Turbinen je 1.000 Kilowatt Strom zu erzeugen, schlug jedoch fehl. Quelle: geschichte s-h

„Wer nicht deichen will, muss weichen“

Um Husum vor den unberechenbaren Kräften der Nordseefluten, des „Blanken Hans“, zu schützen, mussten und müssen Deiche her – und Seeschleusen. Mit Sturmfluten hatten die Bewohner Husums bzw. der Bewohner des Marschlandes weit vor Husum, das es ja vor langer Zeit noch gab, Erfahrungen:

1362 hatte eine verheerende Sturmflut das Marschland vor Husum vernichtet. 100.000 Menschen sollen ums Leben gekommen sein – eine Zahl, die, so der NDR*, „wahrscheinlich übertrieben“ sein soll. Die Siedlung Rungholt, die wichtigste Handelsstadt an der Westküste und somit eine Konkurrentin von Husum, geht unter – zusammen mit sieben anderen Gemeinden im nordfriesischen Wattenmeer.

Die zweite große Flutkatastrophe 1634 soll mehr als 8000 Menschen das Leben gekostet haben. Die Insel Strand (Alt-Nordstrand) wird zerrissen: in die Insel Pellworm, die Halbinsel Nordstrand und die Hallig Nordstrandischmoor.

Für Husum hätte die Sturmflut, so lesen wir im SPIEGEL**, im Nachhinein etwas „Gutes“ gehabt: Seitdem hat die graue Stadt am grauen Meer einen Hafen. Doch nun zur kleinen Husumer Schleusengeschichte:

1. Schleuse: 1858

Die erste Husumer Seeschleuse wurde 1858 – noch zurzeit der dänischen Herrschaft – gebaut. Durch den Bau dieser Seeschleuse zwischen dem Rödemisser Seedeich und dem Porrenkoogdeich, unmittelbar hinter dem jetzt noch bestehenden Trockendock des Amts für ländliche Räume, wurde die Stadt von nun an vor Überflutungen gesichert.

2. Schleuse: 1904/1905

Wegen der geringen Abmessungen der ersten Schleuse wurde 1904/05 an derselben Stelle der Neubau der Seeschleuse erforderlich. Als auch diese Schleuse sich als zu schmal für größere Schiffe und zu unsicher im Kampf gegen den „Blanken Hans“ erwies, wurde sie weitgehend beseitigt.

3. Schleuse: 1960

1960 wurde rund 300 Meter weiter westlich ein neues Sperrwerk errichtet. Und das war klug, sollte sie doch gerade noch rechtzeitig fertig werden vor der verheerenden Sturmflut vom 16./17. Februar 1962.

Dennoch konnte das neue Werk nicht dem wütenden „Blanken Hans“ komplett standhalten. Weite Teile des Stadtgebiets wurden überschwemmt. Etwa 200 Meter westlich der Seeschleuse war der Deich durchbrochen, es klaffte eine 50 Meter große Lücke.

Die Sturmflut, die über den Deich hinweg strömte, konnte hier ungehindert in den tief liegenden Dockkoog stürzen, der meterhoch überschwemmt wurde. Quelle: shz

In der Folge legten Bund und Land ein großes Küstenschutzprogramm auf, die Deiche mussten erhöht werden und dieses beinhaltete auch den Umbau der Husumer Schleuse.

4. Schleuse: 1973

So wurde 1973 das vierte Sperrwerk (im Bild oben) errichtet, das bis heute steht. Es hat eine Durchfahrtsbreite von 22 Metern. Aber wie es kommen sollte, musste auch diese Schleuse schon wenige Jahre nach Fertigstellung ihre Bewährung zeigen: 1976.

Die Zweite Januarflut 1976 in der Nacht vom 20. /21. Januar 1976 war eine der höchsten Sturmfluten des 20. Jahrhunderts an der deutschen und dänischen Nordseeküste und dem Gebiet der Elbe. 17 Tage zuvor, am 3. Januar, hatte sich die nur wenig stärkere erste Januarflut 1976 aufgrund des Capella-Orkans ereignet, die in weiten Bereichen höchste Sturmflut des 20. Jahrhunderts.

Obwohl in Husum der Pegel 78 Zentimeter niedriger als am 3. Januar und 33 Zentimeter niedriger als 1962 ausfiel, ordnete der Katastrophenstab die Evakuierung des Grothusenkooges in Eiderstedt an.

Fest steht: die Schleuse konnte eine schwere Katastrophe verhindern, wenn auch das Wasser fast bis zum Husumer Markt schwappte.

Der mannshohe Sturmflutpfahl

Das zweite Fotos (unten) zeigt den Sturmflutpfahl am Ende des Hafenbeckens, der Hafenspitze des Husumer Binnenhafens. Er dominiert die Stadt; die Bewohner zeugen ihm Respekt, denn er zeigt die Wasserstände nach den wuchtigsten Fluten an, die den Ort maßgeblich prägten und prägen.

Am oberen Ende sieht man die Wasserhöhe NN Null am Sperrwerk. Ca. 60 cm darunter die Marke der Sturmflut von 1976. Darunter die von 1962 mit einer Höhe von 5,61 Meter über Normalnull. Kurz darunter die Sturmflut vom 24.11.1981 und die vom 03.02.1825 und 11.10.1634.

Ob bald eine neue „Marke“ erreicht wird? Wir werden es sehen.

* NDR.de, 16.01.2012

** Spiegel Online, 29.09.2008