Randale am ZOB Flensburg: Kein Anstieg der Jugendkriminalität

Es ist ein Thema, was viele Flensburger/innen bewegt: Am Flensburger Busbahnhof (ZOB) will einfach keine Ruhe einkehren. Seit Jahren, gefühlt seit Jahrzehnten schon beschäftigen sich Polizei, Justiz und Jugendbehörden mit Gewalt im Herzen der Stadt.  Gefühlt könnte man den Eindruck gewinnen, dass Jugendkriminalität in Flensburg zugenommen hat. Doch, stimmt das? 

In der Tat könnte der Bürger ins Grübeln kommen, wenn man die Polizeinachrichten und Presseberichte der letzten Monate und Jahre verfolgt. Selbst die überregionale Presse berichtet über die Ereignisse rund um den ZOB:

„50 Jugendliche verabreden sich zu Massenschlägerei“, lesen wir am 21.03.2018 in der Süddeutschen Zeitung: „In der Vergangenheit war es in Flensburg immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen gekommen.“

„In Flensburg verabreden sich Teenager neuerdings zu Massenschlägereien“, berichtet vice (März 2018) und  titelt von einer „Bronx des Nordens“.

Blicken wir weiter zurück, lesen wir diese Schlagzeilen: April 2009 heißt es beim shz: „Jugendkriminalität nimmt wieder zu“. Im Jahre 2010 wollte der SSW (Südschleswigsche Wählerverband) eine „Jugend-Taskforce“ gründen, „Prävention“ hieß das Zauberwort.

2010 lief ein Video beim shz: Vermeintliche Schlägerei in Flensburg (SHZ Beitrag 2010), siehe hier;

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Hat die Jungendkriminalität in Flensburg zugenommen? Zahlenmaterial der Polizeidirektion Flensburg (hier: Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS) kann uns weiterhelfen. Wichtig ist die langfristige Beurteilung der Statistik. Denn: Kurzweilige Ereignisse, wie sie immer wieder am ZOB und in der Flensburger Innenstadt zu beobachten sind, geben kein Gesamtbild.

Zu den aktuellen Ereignissen Oktober 2019 am ZOB teilt die Polizei Flensburg mit (Zitat E-Mail): „Streitereien und Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Heranwachsenden am ZOB in Flensburg und damit einhergehend die Begehung von Straftaten ist keine neue Erscheinung.

Immer wieder führt die zentrale Lage des ZOBs, der ein beliebter Treffpunkt von jungen Menschen ist, zu Konflikten innerhalb verschiedenster Gruppen. Solche Vorkommnisse kommen alle paar Jahre mit dann neuen handelnden Personen wieder vor. Ein Anstieg der Jugendkriminalität ist damit nicht einhergehend.“

In der Tat. Die Zahl der Tatverdächtigen (TV) unter 21 Jahren ist in den letzten 17 Jahren zurückgegangen.  Siehe Tabelle:

Zur Erläuterung: Lag die Zahl der tatverdächtigen Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden 2002, 2003, 2004 und 2005 noch im Schnitt bei 1.280, sank sie bis zum Jahre 2017 und 2018 auf durchschnittlich 850. Das ist ein Rückgang von ca. 30 %. Und dieser Trend lässt sich bundesweit ablesen.

Nur in den Jahren 2014 und 2015 gab es in Flensburg einen Sprung nach oben. Ob der Flüchtlingsstrom aus den Kriegsgebieten und die damit verbundene Zunahme von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen eine Rolle spielt, ist schwer zu beurteilen.

Zahl der tatverdächtigen U-21-Jährigen Nichtdeutschen hoch 

2016 geht aus der PKS  hervor, dass die Gruppe der unter 21-jährigen Zuwanderer an den Tatverdächtigen in einigen Deliktsbereichen erhöht sei.

Ihr Anteil an den tatverdächtigen Nichtdeutschen sei in einigen Deliktsbereichen sehr hoch.

Polizei und Gesellschaft seien hier „gefordert, dieser Entwicklung durch präventive Maßnahmen und geeignete Sanktionen entgegenzuwirken“. Für besonders belastete Jugendliche gäbe es „zum Beispiel in Flensburg eine enge Kooperation aller beteiligten behördlichen und nichtbehördlichen Organisationen.“ Quelle:  Polizeiliche Kriminalstatistik der Polizeidirektion Flensburg

Grundsätzliches zur Kriminalstatistik, die doch einige Tücken hat. Problem Hellfeld vs. Dunkelfeld

Die Polizeiliche Kriminalstatistik wird seit 1953 vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden herausgegeben. Seit 1971 wird sie als sogenannte Ausgangsstatistik geführt. Das bedeutet, dass die Daten vor Abgabe des Verfahrens an die Staatsanwaltschaft gemäß den Richtlinien für die Führung der PKS erhoben werden.

In ihr werden die von der Polizei bearbeiteten Straftaten einschließlich der strafbaren Versuche registriert. In der Polizeilichen Kriminalstatistik kann insofern nur das sogenannte „Hellfeld“ abgebildet werden.

Aussagen über Straftaten, die der Polizei nicht bekannt geworden sind (sogenanntes „Dunkelfeld“) können nicht getroffen werden.

Die PKS ist dennoch ein wichtiger Gradmesser zur Kriminalitätslage in Deutschland, da sie stellt eine große Bandbreite an aufschlussreichen Informationen über registrierte Taten und Tatverdächtige bereitstellt.

Die PKS sollte jedoch mit Umsicht verwendet werden, denn als Tatverdächtigenstatistik kann sie dem Grunde nach lediglich das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen wiedergeben.

Beispielsweise können Änderungen im Anzeigeverhalten der Bevölkerung zu einer Verschiebung der Grenzen zwischen Hell- und Dunkelfeld führen, ohne dass sich der tatsächliche Umfang der Kriminalität geändert hat.

Echttäterzählung: Bei der Echttäterzählung wird jeder Tatverdächtige in einem Jahr lediglich einmal gezählt, unerheblich davon, wie oft er als Straftäter in Erscheinung tritt.

Auf diese Weise werden Mehrfachzählungen vermieden, die vor Einführung dieser Praxis zu überhöhten Tatverdächtigenzahlen und damit zu einer Verzerrung der Verdächtigenstruktur geführt hatten.

Seit 2009 kann diese Zählweise auch auf Bundesebene durchgeführt werden – auch Tatverdächtige, die in einem Jahr in mehreren Bundesländern auffällig geworden sind, werden nur einmal gezählt.

Problem PKS „Zuwanderer“- Hellfeld vs. Dunkelfeld
Die Menge der Zuwanderer kann über die PKS nur annäherungsweise berechnet werden. Sie wird aus den nichtdeutschen TV mit Aufenthaltsanlass Asylbewerber, Duldung, Kontingent/Bürgerkriegsflüchtling, international Schutzberechtigte und Asylberechtigte oder unerlaubter Aufenthalt gebildet.

Es sind hierbei keinerlei Rückschlüsse auf die Verweildauer in der Bundesrepublik möglich. Bei der Betrachtung der Kriminalität durch Zuwanderer werden ausländerrechtliche Verstöße nicht berücksichtigt.

Neuere Dunkelfelduntersuchungen haben etwa gezeigt, dass die Gewaltkriminalität junger Menschen nicht so stark angestiegen ist, wie es die PKS hat vermuten lassen.

Der Anstieg solcher Delikte im Hellfeld (wie 2014, 2015) stellt zumindest auch die Folge einer gestiegenen Anzeigebereitschaft in Hinblick auf Gewaltkriminalität dar.

Für das letzte Jahr 2018 lässt sich sagen:

In der Gruppe der unter 21-jährigen Zuwanderer ist der deutliche Anstieg in einigen Deliktsbereichen im Vergleich zum Vorjahr in 2018 wieder spürbar gesunken.

Auch der Anteil von Zuwanderern an den tatverdächtigen Nichtdeutschen ist in vielen Deliktsbereichen rückläufig.

Dieser zum Teil deutliche Rückgang, insbesondere bei den Rohheitsdelikten, lässt sich möglicher- weise auf erfolgreiche Integrationsarbeit der verschiedenen Behörden, Organisationen und Vereine aber auch die Integrationsbemühungen der Schutzsuchenden selbst zurückführen.

Eine schwindende Perspektivlosigkeit vieler jungen Männer durch die Eingewöhnung in neue Lebensstrukturen, das Kennenlernen neuer Menschen und das Schließen neuer Freundschaften könnte insgesamt zu einer gewaltfreieren Lebensweise geführt haben.

Fazit: Fakt ist, die Zahl der tatverdächtigen jungen Leute geht zurück, in Flensburg und bundesweit. Fakt aber auch: die zentrale Lage des ZOBs, der ein beliebter Treffpunkt von jungen Menschen ist, führt zu Konflikten innerhalb verschiedenster Gruppen. „Solche Vorkommnisse kommen alle paar Jahre mit dann neuen handelnden Personen wieder vor. Ein Anstieg der Jugendkriminalität ist damit nicht einhergehend“, schreibt Christian Kartheus, Pressesprecher der Flensburger Polizeidirektion.

Verstärkte Polizeipräsenz am ZOB und in der Innenstadt können keine Dauerlösung sein. wir müssen herangehen an den Ursachen. Gewalttätige Kinder, Jungendliche und Heranwachsende haben immer selbst Gewalt erlebt und tragen diese grundsätzlich an andere weiter.

Wir müssen herausfinden, wo die Gewalt herkommt und an den Wurzeln ran, Betreuung der Täter/innen ist wichtig, analysieren wie sie Gewalt erlebten, es muss geholfen werde – junge Menschen sind in der Regel noch zugänglich für Hilfe.

Sanktionen, ja sicher, auch diese müssen sein, Rebellen müssen ihre Grenzen kennen. Ob Platzverweise alleine helfen, ist fragwürdig. Ist ein Mensch erstmal straffällig geworden und landet im Vollzug wird es schwieriger ihn wieder in die Bahn zu lenken.

Der Verfasser vermisst einen Plan der Flensburger Politik. Die Schlagzeilen, auch der überregionalen Presse, lassen kein gutes Bild ab, es liegt Versagen vor, bei der Politik, den Helfern und auch den Tätern. Es wird Zeit, dass eingegriffen wird. Auch wenn auf der einen Seite die Zahlen von jungen Tatverdächtigen zurückgehen.

Kriminalität in Flensburg allgemein hoch

Auf der anderen Seite haben wir nach wie vor, und das seit einigen Jahren, bezogen auf die 9-Jahres-Bilanz auf alle TV, ein „stabiles“, hohes Kriminalitätsaufkommen in Flensburg.

Wir müssen anfangen, bei den jungen Menschen den Drang kriminell zu werden, einzudämmen. Prävention (vor allem Gewalt im eigenen Elternhaus!), Therapie, Sozialarbeit und auch Sanktionen müssen her – denn: die jungen Täter von heute, auch die Randalierer am ZOB und in der Innenstadt und der Galerie und Holm, sind die erwachsenen Täter von morgen.