Rezension zu Hamed Abdel-Samad: „Aus Liebe zu Deutschland“

In diesem Jahr „feiert“ Deutschland 30 Jahre Deutsche Einheit. Doch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung scheint dieses Land gespaltener als je zuvor. Der seit 25 Jahren in Deutschland lebende und 1972 in Kairo geborene deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler und Publizist Hamed Abdel-Samad sieht das ebenso. Er macht sich Sorgen um die Debattenkultur in diesem Lande und die Demokratiefähigkeit seiner Bürger/- innern. Darüber hat er ein Buch geschriebn: „Aus Liebe zu Deutschland – Ein Warnruf“, heißt es. Und es kommt gut beim Rezensenten weg. Warum? Das darf an dieser Stelle berichtet werden:

Frei und kritisch seine Meinung zu publizieren, das ist Passion und Berufung von Hamed Abdel-Samad. Mittlerweile gehört er zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.  Seine Islamkritik brachte ihn nicht nur Freunde sondern auch Feinde, seit 2013 wird Hamed Abdel-Samad von Personenschützern begleitet, Tag und Nacht. 

Sein 2014 erschienenes Buch „Der islamische Faschismus“ wurde mehr als 100 000 Mal gekauft. Ein Vortrag darüber in Kairo führte zu Mordaufrufen, die durch das ägyptische Fernsehen verbreitet wurden.

Nach dem im September 2015 veröffentlichten Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ riefen deutsche Dschihadisten in Syrien ihre Kampfgefährten in der Heimat auf: „Tötet Abdel-Samad!“.

Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Aus Liebe zu Deutschland – Ein Warnruf“ und ist im September 2020 in der dtv Verlagsgesellschaft erschienen. In seinem 224 Seiten starken und in neun Kapiteln eingeteilten Buch schlägt der Autor ruhige, persönliche Töne an, er verortet eigene Erfahrungen und verknüpft sie mit Deutschland und seine bewegte Geschichte, die in dem Buch angesprochen werden.

Abdel-Samad wandert mit dem Historiker Heinrich-August Winkler und dem Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer durch die deutsche Geschichte und macht dabei allerlei Abzweigungen in Sonderwege aus.

Deutschland sehe Abdel-Samad als eine Art Borderliner, als einen emotionalen Grenzpendler der schwankt zwischen Größenwahn und tiefer Minderwertigkeit, Angst und Unterwürfigkeit.  

Die Deutschen hätten eine Art Untertanenmentalität entwickelt, die er als „Ideologie-Untertanen“, „religiöse Untertanen“, akademische Untertanen“, „Moral-Untertanen“, „Schuld-Untertanen“, „Opfer-Untertanen“ und „Wohlstandsuntertanen“ rubriziert und erklärt (S. 91, 92).

Über allem würde die eigene Schuld (hier zwei angezettelte Weltkriege und die Vernichtung von 6 Millionen Juden unter Hitler) schweben.  

Den Deutschen fehle, im Bezug auf Ausländer, Selbstbewusstsein. Er sehe statt dessen Schuldgefühle. Eine auf Schuld beruhende Identität würde weder Deutschen noch Ausländern helfen. Wir zeigen zu wenig, wie wir ihnen diese Werte vorhalten und was wir von ihnen erwarten können. Es gebe Integrationsangebote aber keine verpflichtende Gebote. 

Der Autor appelliert, dass die Deutschen ihre Werte leben und artikulieren sollten. Diese sollten Ausländern vorgehalten werden und diese mögen diese Werte integrieren. 

Abdel-Samad! unterstellt dem Lande eine gewisse Laschheit, es müsse klare Kante zeigen, wir müssten die Engführung des Begriffs Toleranz verändern, Deutschland müsse vorgeben was wir über Toleranz und Liberalismus denken.

Abdel-Samad beobachtet eine Stärkung der radikalen politischen Ränder: Islamismus, Nationalismus, Rechtsradikalismus. Immer mehr Menschen zögen sich, verstärkt seit der Corona-Krise, zu Verschwörungserzählern und dessen Führer hin. 

Der Autor kritisiert die Diskursschwäche der Deutschen und bescheinigt bürgerlichen Mitte, das sich diese, seiner Meinung nach, zu sehr aus der Debatte herauszöge.  Es sei gefährlich dass alle Diskurse (hier u.a.: Corona-Krise, Islamismus, Rassismus, Flüchtlinge) von den politischen Rändern geführt werden.

Er prangert die emotionale Aufgeladenheit an, es sei kaum ein rationaler Diskurs möglich. Als ein Beispiel wird der Disput zwischen 

Wir Deutschen hätten die Errungenschaften der Aufklärung zugunsten einer falsch verstandenen Toleranz aufgegeben. Statt dessen favorisierten wir Multikulti und Ethnologie-Fetischismus. 

Das passe nicht so in unser Land, es solle wieder aufzeigen, was dieses Land ausmache. Und der Autor prangert wieder die Mitte an: Statt Selbstbewusstsein zu zeigen, verzöge sich die bürgerliche Mitte in Volkszorn und intellektuelle Komfortzonen, während die Probleme wachsen, die Räder sich stärken und diese die Themen bestimmten.

Er sehe darin die Gefahr der Schwächung der Demokratie in sich selbst. Der Islamismus selbst sei nicht die größte Gefahr für die westliche Zivilisation und Deutschland sondern die Gefahr sehe er darin, das sich die westliche Zivilisation für sich selbst aufgäbe. 

Bereichernd, bei der Menge an Stoff und Zahlen auch unterhaltend, sind die Gespräche, die Abdel-Samad mit der SPD-Politikerin Sawsan Chebli („Gespräch mit einer Hassfigur“, S. 148) und Sascha Lobo (S. 171 – 174) führte.

Sawsan Chebli hatte der Autor an anderer Stelle einst kritisiert, weil diese mit Vereinen zusammenarbeitete, die denTürkischen Despoten Erdogan finanziell oder den Muslimbrüdern theologisch und emotional nahestünden. Chebli nannte Abdel-Samads Kritik als „Hetze“. Sie trafen sich in Berlin und setzten sich ihre Argumente auseinander, das Ergebnis findet sich auf den Seite 148 bis 157 in dem Buch. Abdel-Samad meinte, man hätte es geschafft, das Gespräch „freundlich und respektvoll“ geführt zu haben und man hätte was gefunden, was zum Nachdenken anregte, das fand er als „einen guten Anfang“.

Im Gespräch mit Sascha Lobo (S. 171 – 174) gab es weniger Kontroversen, mehr Konsens, es ging um die Deutsche Art des „Fetisch des Funktionierens“ und die „Angst“ der Deutschen vor Zukunftstechnologien. Der Deutsche hätte eine „Virtualitätsfeindlichkeit“ und würde typischerweise sagen: „Das habe ich immer schon gesagt“, wenn etwas Neues nicht so klappt wie gewünscht – und das von „Menschen, die nicht nur vorher alles gewusst hätten, sondern die über Jahrzehnte in der gleichen Haltung verharrten und fas für konsequent und anständig hielten.“

Fazit: Abdel-Samad ist ein nachdenklicher, unbestechlicher, kritischer, und debattenfreudiger Freigeist. Das ausgerechnet ein nicht in Deutschland geborener Freigeist uns einen Spiegel vorsetzt, ist bezeichnend, gerade weil er von außen und von innen auf uns schaut und die Verhältnisse hierzulande nüchtern benennt.

„Aus Liebe zu Deutschland“ macht Spaß zu lesen, es ist ein in die Tiefe gehendes inspirierendes Buch, was man von anderen Autoren so nicht kennt. Hamed Abdel-Samad klagt dabei nicht nur an, er macht sich selbst kritisch Gedanken und bietet Lösungsvorschläge (Kapitel 9, ab Seite 193: „Die Wertepyramide, oder: Manifest für eine aufgeklärte Leitkultur“) und dieses tut er aus Liebe zu Deutschland, dass   

„… (sei) eine wunderbare Erzählung“ und „ein Heilungsprozess“.  Es hätte „dunkle Kapitel“ gegeben, aber der gesamte Prozess von Deutschland sei „sehr inspirierend für Deutsche und auch für Migranten.“

Vielen Dank an die dtv Verlagsgesellschaft, die freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!