Was tun gegen Rechtsautoritarismus? „Kindheit wagen“!

Diese Tage erleben wir es vor – und leider auch im – Deutschen Bundestag: Ein aufgebrachter rechter Mob setzt uns und unserer Demokratie zu. Ja, sie ist wahrhaft die Vertretung der Demokratie, auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen. Doch was können wir gegen den Rechtsruck tun, der ja nicht nur in Deutschland zu beobachten ist, sondern weltweit? Der Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor Herbert Renz-Polster hat sich damit intensiv beschäftigt und ein Buch („Erziehung prägt Gesinnung“) darüber geschrieben – und er bietet uns Lösungen. 

Das Problem Rechtspopulismus ließe sich zwar „weder politisch noch ökonomisch noch technisch `lösen`“, schreibt Renz-Polster, doch mache er uns Hoffnung. Und die beginnt bei uns allen, in der Zukunft unserer Kinder und wie wir diese gestalten sollten:

„… Für mich ist die Antwort auf den Rechtspopulismus: Kindheit wagen! Denn Kinder, die ihre Kindheit innerlich unverletzt, mit Selbstvertrauen, wachen Augen, Einfühlungsvermögen und Mut unter dem Herzen verlassen, sind widerstandsfähig – gerade gegenüber den Verlockungen des Rechtspopulismus. Allen Kindern ist eine solche Kindheit zu wünschen.“

Und fügt hinzu:
„Dazu müssen wir als Erstes unser Anerkennungsproblem lösen. Eine Kindheit, die sich vor allem um die Vorbereitung auf den ökonomischen Wettbewerb dreht, wird dazu nicht ausreichen. Eine Auslese der Gewinner greift zu kurz. Und `mehr Bildung`ohne Beschäftigung mit den Fragen drumherum – auch das wird nicht ausreichen.

Kinder, Ihr seid willkommen und ihr seid alle wichtig – müsste das nicht über jede Einrichtung in großen Lettern stehen? … Hier seid ihr nicht ausgeliefert, hier werdet ihr nicht beschämt – wäre nicht das ein Rezept gegen die Hörigkeit und Ängstlichkeit?“ Zitat Herbert Renz-Polster 2019, S. 283/284

Eine Kindheit ohne Gewalt ist zwar ein hehres Ziel, die Realität sieht aber anders aus: Jeder Sechste hält, nach einer neuen Studie*, Ohrfeigen in der Erziehung für angebracht. Dies zeigt eine neue Studie zu Einstellungen zu Körperstrafen und Erziehungsverhalten in Deutschland .

Zwar ist vor 20 Jahren, am 8. November 2000, in Deutschland das Recht jedes Kindes auf gewaltfreie Erziehung in Kraft. Dieser Schritt habe, so in der Studie, „dazu beigetragen, die Einstellungen zu Körperstrafen in der Erziehung zu verändern und körperliche und psychische Gewalt gegen Kinder zurückzudrängen.“

Doch trotz dieser positiven Entwicklung sehen viele Menschen in Deutschland körperliche Bestrafung weiter als angebracht an.
So sei jeder Zweite noch immer der Auffassung, dass ein Klaps auf den Hintern noch keinem Kind geschadet habe. Jeder Sechste hielt es sogar „für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen“. * Quelle: Repräsentative Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, UNICEF Deutschland und dem Deutschen Kinderschutzbund.

Können die genannten Zahlen Angst machen? Sven Fuchs, Gewaltforscher und Buchautor (Die Kindheit ist politisch!), hält Kritik an der Studie. Bei Twitter schreibt er: „Im Durchschnitt waren die Befragten ca. 50 Jahre alt, 82,5 % der Befragten hatten keine Kinder im Haushalt. Die Studie misst nur bedingt, wie viel Gewalt die jetzige Kindergeneration erlebt.“

Er meint, dass Gewalt gegen Kinder stetig sinke: „Die deutlich größere KFN-Studie `Repräsentativbefragung zu Viktimisierungserfahrungen in Deutschland`“ würde dies „ebenfalls zeigen“. Quelle: (pdf).

Was sind die Ursachen für den Rechtsruck? Das erahnte schon Erich Fromm in der Zeit des zweiten Weltkrieges mit seiner Theorie von der „autoritären Persönlichkeit“. Später untersuchte Alice Miller in „Am Anfang war Erziehung“ die Kindheit von Adolf Hitler,

ihr folgte etwa Lloyd deMause mit seiner historischen Auflistung der traurigen Tradition der Gewalt gegen Kinder in vielen Kulturen. Vor kurzem untersuchte auch Sven Fuchs in „Die Kindheit ist politisch“ die Kindheit von Politikern.

Allen ist gemeinsam: Gewalt gegen Kinder erzeugt sehr oft (aber nicht immer!) wieder Gewalt.

Entweder manifestiert sich diese in Kriegen oder Terroranschlägen (Sven Fuchs hat auch die Kindheit von Terroristen und Amokläufern untersucht) oder sie beeinflusst das gesamte politische Klima in einem Land – hier: die umgeleitete Wut, die sich gegen die Eltern richten sollte, sich jedoch politisch entlädt.

»Wer den autoritären Populismus verstehen will, muss dorthin schauen, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden – auf die Kindheit.« Herbert Renz-Polster