Hanau und der Terror: Was jetzt zu tun ist

Vor einem Jahr (Feb. 2020) schrieb ist einen Kommentar zum Thema Terror und Ursachen und belegte diesen mit Fakten. An dem Inhalt hat sich nichts geändert, ich erlaube mir, den Text hier nochmals zu präsentieren: „Gestern hat ein offenbar Verrückter elf Menschen erschossen, einschließlich sich selbst und seiner Mutter. Die Tat wird als Terrorakt eingestuft. Es gibt nichts an der Tat des Verrückten zu rechtfertigen! Aber: In den Medien fällt kein Wort über die #Kindheit des #Terroristen, über das Drama und #Trauma, das er erlebte BEVOR er zum Massenmörder wurde. Geliebte Kinder morden nicht!

URSACHEN, die zu der Entwicklung von Menschen zu rechtsextrem- linksextrem – oder religiös-extrem gelenkten Terrorristen führen, sind längst wissenschaftlich erforscht und publiziert*. Erst vor Kurzen wurden eine Studie dazu veröffentlicht:“Hallenser Gewaltstudie, die Kindheitsgeschichte ostdeutscher, rechter Gewalttäter.“

Von den 24 Gewalttätern bezeichneten sich 17 (nur eine Person davon war weiblich) als rechts oder früher rechts, als rechtsgerichtet, als rechtsdenkend, als Skin oder Skinhead mit nationalistischer oder ausländerfeindlicher Einstellung (S. 129). Die Bandbreite reichte dabei von rechtem Denken, das nicht unbedingt mit Gewalthandeln verbunden war, bis hin zu extrem hasserfüllten Denken, das in gewalttätige Handlungen mündete. Sehr häufig wurden die Freundschaft, Kameradschaft und der Familienersatz durch rechte Gruppen betont.

„Der familiäre Hintergrund war für viele Jugendliche der Einstieg in die Gewalt. Sie lernten nicht nur, Gewalt als normales Mittel des Verhaltens, der Interessensdurchsetzung und der Konfliktlösung anzuwenden, sondern wurden häufig auch schon sehr früh in extremer Weise Opfer.

Sie mussten in frühen Jahren mit ansehen, wie Mutter und Geschwister geschlagen und verprügelt wurden und sie mussten in einem Klima leben, das jederzeit in unberechenbarer Weise in Gewalt, auch gegen sie selbst, umschlagen konnte. Viele machten auch die deprimierende Erfahrung, das keine Hilfe zu erwarten war“ (S. 123).

Die Befragten konnten in ihrer Kindheit und Jugend keine vertrauensvollen und tragfähigen Beziehungen zu Erwachsenen aufbauen. In den Fallbeispielen fällt auch immer wieder der Hinweis auf starken Alkoholkonsum von Elternteilen auf. Viele (die genaue Anzahl wurde nicht dargestellt, es wurde nur von „vielen“ berichtet) waren außerdem phasenweise in Kinderheimen untergebracht. Die Gewalttäter wiesen keine oder nur eine niedrige Bildungsqualifikation auf. Die Mehrheit hatte keinen Schulabschluss.

Manche Fallbeispiele sind extrem, so z.B. der Fall „Philip“. Philip schilderte, dass seine Eltern ihn nicht gewollt hätten. Es gab viel Streit, der Vater hätte randaliert bis die Polizei kam. Seine Mutter habe viel getrunken und sich nicht gekümmert. Weitgehend sei er bei seiner Oma aufgewachsen. Später kam er nur noch nach Hause, um dort zu schlafen.

In der Schule gab es massive Probleme. 1992 wurde seine Mutter vergewaltigt und durch viele Messerstiche ermordet. Kurz nach der Wende schloss er sich einer rechten Gruppe an und beging mit 13 Jahren einen Brandanschlag auf eine Gedenkstätte. Seine weitere kriminelle „Karriere“ ist lang, inkl. gefährlicher Körperverletzung. Im Rahmen seiner rechten Aktivitäten wurde er aber auch Opfer von schwerer Gewalt (S. 129).
Quelle: Bannenberg, B. & Rössner, D. (2000): Hallenser Gewaltstudie – Die Innenwelt der Gewalttäter: Lebensgeschichten ostdeutscher jugendlicher Gewalttäter. In: DVJJ-Journal: Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 11 (2000) 2, S. 121-134.

Fazit – und die Antwort auf die Frage, was jetzt zu tun ist:
Nicht alle ungeliebten und schwer misshandelten Kinder werden zu Mördern – aber sie könnten.

Kinder- und Jugendschutz ist die sinnvollste Prävention um Gewalttaten wie in Halle oder Hanau und auch zukünftige schwere Verbrechen zu verhindern: In der Schule, in den Kitas, in den Kindergärten, in den Institutionen, wo Kinder und Jugendliche verweilen.

Es ist hohe Sensibilität und vor allem auch Wissen gefordert, gefährdete Kinder und Jugendliche zu schützen und sich sensibel zu beobachten, wenn Signale von diesen gesendet werden, wenn sie Gewalt erlebten.

Jedes geschützte Kind, jeder geschützte Jugendliche ist auch Schutz der Gesellschaft vor möglichen Gewalttätern – ist das zu viel verlangt?

Offenbar. Warum engagieren sich in Deutschland zehnmal so viele Menschen für den Tierschutz wie für Kinderrechtsorganisationen? Warum werden Familien von Staat und Politik nicht optimal gefördert? Hingucken statt wegschauen ist angesagt!  Jeder Einzelne von uns kann und muss helfen, Kinder vor Gewalt zu schützen: mit Aufmerksamkeit, Zivilcourage und der Bereitschaft, wichtige Hinweise weiterzugeben. 

Was wir brauchen:

  • Bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Akteure im Kinderschutz
  • Bundeseinheitliche Standards in der Kinder- und Jugendhilfe.
  • Ein verpflichtendes erweitertes Führungszeugnis für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
  • Verpflichtende Aus- und Weiterbildungen zum Thema Gewaltschutz für alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
  • Eine Reformierung des Strafgesetzesbuches für mehr Kinderschutz.
  • Zivilcourage bei Gewalt gegen Kinder.
  • Denn: Jedes geschützte Kind, jeder geschützte Jugendliche ist auch Schutz der Gesellschaft vor möglichen Gewalttätern!

    * Ergänzend zu dem obigen Text und selbes Thema, hier eine Info von Sven Fuchs: „Ausgehend von der transgenerationalen Linie von Kindesmisshandlung in Familie des #Massenmörders GabrielWortman (Amoklauf Nova Scotia) wird studienbasiert aufgezeigt, wie Kindesmisshandlung und Massenmord/Kriminalität zusammenhängen! https://globalnews.ca/news/7750967/ending-child-abuse-mental-health-preventing-mass-shootings/

Ferner sei auf einen aktuellen Blog-Text von Fuchs hingewiesen: „Listening to Killers“ von James Garbarino
https://kriegsursachen.blogspot.com/2021/04/listening-to-killers-von-james-garbarino.html

Auch diese Studie ist aussagekräftig: Studie: Kindheitserfahrungen/Familie und rechtsextreme Einstellungen
https://kriegsursachen.blogspot.com/2021/03/studie-kindheitserfahrungenfamilie-und.html